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Pflege am Limit

Bis der Arzt kommt …

Arbeiten am Limit: Wenn wie in der Gesundheitspflege zehntausende Kolleginnen und Kollegen fehlen – und das seit Jahren – geht das den Beschäftigten, die den physisch und psychisch anspruchsvollen Beruf ausüben, an die Substanz. Die Politik will dies nun ändern – nachdem sie das Problem jahrzehntelang ausgeblendet hat …

Mindestens 40.000 Beschäftigte fehlen in Deutschlands Kranken- und Altenpflege, sagen jüngste Schätzungen. Ein eklatanter Mangel, der sich unter dem Eindruck des demografischen Wandels in den letzten Jahren zunehmend verschärft hat und dem auch in Zukunft nur schwerlich beizukommen sein dürfte. Endlich ist auch die Politik bei diesem Thema wach geworden und wurde im Sommer 2018 aktiv: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) starteten die „Konzertierte Aktion Pflege“, wo sie gemeinsam mit zahlreichen Verbänden und Organisationen bis Mitte dieses Jahres Maßnahmen gegen den wachsenden Pflegenotstand erarbeiten wollen.

Mittlerweile stehen erste Ergebnisse bereits fest. So soll die Zahl der Pflege-Auszubildenden bis 2023 um zehn Prozent steigen, um den Pflegemangel in Deutschland zu reduzieren. Auch die Zahl der Ausbildungsstätten für die Pflege soll bis 2023 um zehn Prozent erhöht werden.

Konzertierte Aktion: Pflege soll „cool“ werden

In der Alten- und Krankenpflege arbeiten hierzulande derzeit rund eine Million Menschen. Dennoch herrscht Personalnot. Je nach Rechenart fehlen zwischen 40.000 und 500.000 Pflegerinnen und Pfleger. Und gleichzeitig steigt die Zahl der zu betreuenden Patientinnen und Patienten. Die leiden ebenso unter den Engpässen wie das Pflegepersonal selbst, das unter einem enormen permanenten Druck steht, der viele selbst krankmacht. Dagegen will die „Konzertierte Aktion Pflege“ nun endlich etwas unternehmen. Insbesondere will man mehr Berufsnachwuchs für die Branche gewinnen. „Pflege soll cool werden“, heißt das Motto. Bis 2023 soll die Zahl der Azubis und ausbildenden Einrichtungen im Bundesschnitt um zehn Prozent zulegen. Erreicht werden soll das mit Hilfe einer breit angelegten Ausbildungsoffensive, die neben einer verstärkten Öffentlichkeitsarbeit und höheren Ausbildungsvergütungen auch eine Neuregelung der Pflegeausbildung ab 2020 beinhalten soll, nach der bundesweit kein Schulgeld mehr fällig wird.

Zweifel angebracht: Nur schöne Versprechen?

All dies klingt an sich positiv und deutlich handlungsorienterter als alle bisherigen „Maßnahmen“, die in der Vergangenheit selten über das Stadium des Appells hinauskamen. Gleichwohl gibt es auch mit Blick auf die neue konzertierte Aktion in Sachen Pflege Zweifel, ob es sich nicht doch wieder nur um schöne Versprechen handelt. So erklärte die Deutsche Stiftung Patientenschutz, ohne Zweifel müssten Löhne und Ausbildungsplätze attraktiv werden. „Doch solange unklar ist, wer die Kosten trägt, bleibt es bei schönen Versprechen“, so Vorstand Eugen Brysch. Heimbewohner könnten zusätzliche finanzielle Belastungen nicht auch noch schultern.
Auch nach Meinung einer von der Robert Bosch Stiftung einberufenen Expertengruppe reicht das Sofortprogramm Pflege von Union und SPD nicht aus, um den Pflegenotstand abzuwenden. Um genügend Fachpersonal für die Pflege zu gewinnen, müsse der Beruf insgesamt attraktiver werden und bessere Karrierechancen bieten. Dies könne nur gelingen, wenn der Pflege mehr und auch neue Verantwortung übertragen werde, beispielsweise durch die geregelte Übernahme von ärztlichen Aufgaben der Primärversorgung im ländlichen Raum und mehr professioneller Autonomie bei allen Interventionen, die pflegerische Fachexpertise verlangen. „Wir brauchen dringend attraktivere Karrierewege in der Pflege. Dazu müssen wir das gesellschaftliche Bild der professionellen Pflege ändern, das im Moment häufig darin besteht, gebrechliche Menschen umzulagern und Essen zu reichen“, sagt Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats und Mitglied der Expertengruppe der Robert Bosch Stiftung. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Umfeld von medizinischer Behandlung und Versorgung bei Pflegebedürftigkeit erheblich komplexer geworden. Hinzu komme, dass der Bedarf an pflegerischer Leistung in den kommenden Jahren rasant ansteigen werde. Die Versorgungsqualität hänge daher vor allem von der personellen Aufstellung in der professionellen Pflege und deren Qualifikation ab. „Deutschland benötigt nicht nur mehr Fachpersonal in der professionellen Pflege, sondern auch deutlich mehr akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen in der direkten Versorgung“, so Wagner. Bereits 2012 habe der Wissenschaftsrat deshalb eine Akademisierungsquote für die Pflege von 10 bis 20 Prozent empfohlen. Davon sei Deutschland aktuell weit entfernt.

Mindestens 40.000 Beschäftigte fehlen derzeit in Deutschland in der Pflege. Deswegen will man den Beruf nun attraktiver machen – eine Forderung, die die Gewerkschaften als Vertretungen der gebeutelten Beschäftigten schon seit einer gefühlten Ewigkeit predigen.

Professionelle Pflege: Mehr Verantwortung

Eine zentrale Forderung der Experten: Pflegefachpersonen soll die Verantwortung übertragen werden, die ihrer Qualifikation als Fachpersonal entspricht. Vor allem die professionelle Pflege könne einschätzen, was pflegebedürftige Menschen zur Bewältigung ihrer Situation benötigen. Sie müsse daher auch befugt sein, Versorgungsbedarf festzusetzen und Maßnahmen der häuslichen Krankenpflege festzulegen. Darüber hinaus empfehlen die Experten, Beratungsleistungen im allgemeinen Leistungskatalog der Pflege zu ergänzen. Das helfe vor allem älteren Menschen und chronisch Kranken, die häufig überfordert seien, wenn es darum gehe die vorhandenen Leistungsangebote zu überblicken, mit den Anforderungen der Therapie zurecht zu kommen oder an die nächste Grippeimpfung zu denken. Ein weiterer Vorschlag betrifft die Sicherung der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. Dort könne eine Pflegefachperson hausärztliche Routineaufgaben übernehmen, beispielsweise die Versorgung von Bagatellerkrankungen und die medizinische Basisversorgung bei Menschen mit chronischen Erkrankungen. Dies sei in vielen Ländern längst üblich.
„Es ist an der Zeit, dass Deutschland auch in der Pflege zu internationalen Standards aufschließt. Gerade was die Akademisierung anbetrifft, liegen wir weit hinter vielen Ländern zurück“, sagt Uta-Micaela Dürig, stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung. Sogar in Großbritannien, dessen National Health Service oft als Negativbeispiel herhalten müsse, sei die Situation in dieser Hinsicht deutlich besser. Speziell ausgebildete Pflegefachpersonen, sogenannte Clinical Nurse Specialists, betreuen dort ihre Patienten weitgehend selbständig und rufen den Arzt erst hinzu, wenn sich der Zustand verschlechtert. „Das Manifest soll aufzeigen, welche Voraussetzungen Spitzenpflege braucht und warum dringend mehr akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen in allen Bereichen der Versorgung notwendig sind. Wir hoffen, dass diese Botschaft gehört wird und die entscheidenden Personen zum Umdenken und zum Handeln anregt.“

Miserable Arbeitsbedingungen machen krank

Für die Beschäftigtenvertretungen sind die erschreckenden miserablen Arbeitsbedingungen in der Pflege seit Jahren trauriger Alltag. „Das Soforthilfeprogramm der Bundesregierung mit 8.000 zusätzlichen Stellen ist zwar gut, aber in Anbetracht dessen völlig unzureichend. Es ist lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein“, weiß Andreas Hemsing, Bundesvorsitzender der komba gewerkschaft. Mehr Stellen ohne das nötige Fachpersonal zu schaffen, entlaste weder die Beschäftigten noch helfe es den Pflegebedürftigen. Die Reform der Pflegeausbildung werde den Bedarf nicht von heute auf morgen decken. „Die Politik hat lange Zeit die Augen vor den Missständen in der Pflege verschlossen. Wer in diesem Bereich arbeitet hat permanenten Stress, ist psychischen Belastungen ausgesetzt, muss körperliche Herausforderungen meistern und hat selten verlässliche freie Zeiten zur Erholung. Ein Zustand, der auf Dauer krankmacht“, warnt Hemsing. Die jahrelangen Fehlentwicklungen im System haben die Beschäftigten bislang immer wieder aufgefangen. „Dieses hohe Verantwortungsbewusstsein wurde von Politik und Arbeitgeberseite schlichtweg ausgenutzt. Es ist endlich an der Zeit, das System grundlegend neu zu organisieren und die Beschäftigten zu entlasten“, fordert der komba Chef.

Personal: beschreiben, messen und entwickeln

Für die Beschäftigten in der Pflege reicht der Gestaltungswille der Bundesregierung alleine nicht aus, um nachhaltige Verbesserungen für Pflegende und Patientinnen und Patienten zu erzielen. Als ein Beispiel dafür nennt der Bundesfachbereich Gesundheit und Pflege der komba gewerkschaft die neue Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung. Nach ihr gelten in bestimmten Bereichen verbindliche Personaluntergrenzen im Pflegebereich. An sich eine wohlklingende Neuerung, bei der es sich jedoch bei genauerem Hinsehen um einen Lösungsansatz, der nur kurzfristig für Erleichterungen sorgen dürfte, so die komba Experten. „Denn am Ende der Entwicklung steht eine klare innerbetriebliche Verlagerung der Problematik: Auf der einen Seite werden Löcher demnach mühsam gestopft, während man auf der anderen Seite zuschaut, wie neue aufreißen. Der tatsächliche Pflegebedarf bleibt dabei einmal mehr unberücksichtigt“, so die Kritik. „Die vorliegende Verordnung ist keine Lösung der Personalprobleme in der Pflege, es ist ein erster Schritt um zu verhindern, dass die Arbeitsbedingungen noch schlechter werden und bietet zumindest im Durchschnitt eine Verbesserung der Arbeitsbelastung durch niedrigere Patientenquoten“, sagt Bojan Hartmann, examinierter Krankenpfleger. „Untergrenzen stellen immer eine große Verführung dar, diese als tatsächlich ausreichende Personalausstattung zu akzeptieren“, warnt Yvonne Brauer aus Berlin. „Was die Pflege braucht, ist eine Entlastung der Beschäftigten sowie eine stabile Versorgungslage der Patientinnen und Patienten. Dazu muss eine fachlich fundierte und am tatsächlichen Pflegebedarf ausgerichtete Personalbemessung und Personalbedarfsentwicklung in sämtlichen Bereichen Eingang in die Krankenhäuser finden“, macht Andreas Hemsing, Bundesvorsitzender der komba gewerkschaft, deutlich. Dafür müsse ein entsprechendes Erhebungsinstrumentarium eingeführt werden. „Die Pflege in Deutschland bedarf einer eigenständigen normativ verbindlichen Berufsordnung, die es tatsächlich immer noch nicht gibt. Auf einer solchen Berufsordnung könnten dann Grundsätze zur Pflegepersonalbemessung sinnvoll und in guter Weise entstehen“, ergänzt Michael Kehren, Vorsitzender des Fachbereiches Gesundheit und Pflege auf NRW- und Bundesebene. Ende

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