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Jihad Suliman aus Syrien im Interview

Aufbruch: Flucht in eine neue Heimat

Jihad Suliman lebte mit seiner Familie lange Zeit glücklich in Syriens Hauptstadt Damas-kus. Dann begann der Bürgerkrieg zwischen der Regierung und Oppositionellengruppen. Jahrelang harrten die Sulimans aus, „es gab Tage, an denen die Mörsergranaten wie Regen vom Himmel fielen“, berichtet Jihad im t@cker-Interview. Als schließlich auch noch die IS-Extremisten Jihads Stadtviertel ins Visier nahmen, flüchtete die Familie, ließ alles zurück und machte sich auf in eine ungewisse Zukunft. Im November 2014 erreichten die Sulimans Deutschland.

t@cker: Wie lange bist du schon in Deutschland?

Jihad: Der 9. November 2014 war der Tag, an dem meine Familie und ich Deutschland erreichten und begannen, unser Leben wiederaufzubauen. Als ich zum ersten Mal ankam, hatte ich viele widersprüchliche Gefühle in mir: In erster Linie war ich glücklich, ein sicheres Ziel erreicht zu haben, von dem ich glaubte, hier könnte ich mein Leben neu beginnen. Auf der anderen Seite war ich so traurig, dass ich weit weg von unserer Heimat – Palästina – bin, zum zweiten Mal nun schon als Flüchtling. Ursprünglich kommt meine Familie nämlich aus Haifa in Palästina, aus dem meine Großeltern 1948 vertrieben wurden und niemals wieder zurückkehren konnten. Sie suchten Zuflucht in Syrien, Damaskus, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Die Nachbarschaft im Al-Yarmouk Camp *1, in dem meine Familie lebte, bestand aus Palästinensern und Syrern, und wir lebten in großer Harmonie zusammen. Ich liebte Syrien, wo ich als Flüchtling angesehen wurde, der alle Rechte und Pflichten hat, die jeder syrische Staatsbürger hat. Ich hatte den Zugang zu den Sozialdiensten und der öffentlichen Bildung, so dass ich mein Studium in Medien und Mass Communication Science beendete und für eine UNO-Agentur (UN-RWA *2) arbeite. 2012 änderte sich das Leben in Damaskus allerdings dramatisch: Es verwandelte sich in ein Schlachtfeld. Die Zivilbevölkerung stand mitten drin in den immer heftiger werdenden Kämpfen zwischen Oppositionsgruppen und den Truppen der Regierung. Wir erlebten Tage, an denen Mörsergranaten wie Regen vom Himmel fielen und einschlugen. Niemand konnte rausgehen und garantieren, dass er sicher wieder nach Hause kommen würde … Im Jahr 2014 schließlich wurde die Situation noch schlimmer, die Kämpfe immer intensiver. Meine Familie und ich hatten keine andere Wahl als um unser Leben zu fliehen. Wir gaben alles auf. Ich verließ meine Arbeit und mein Studium, ich wollte eigentlich noch einen Master machen. Auch meine Schwestern hörten auf zu studieren und flohen. Wir machten uns auf den Weg zur türkischen Grenze und nahmen dann ein Schiff nach Griechenland. Von dort aus ging es weiter nach Deutschland.

Lebt seit 2014 in Deutschland: Jihad Suliman aus Syrien, hier bei einer Exkursion in Brüssel.

t@cker: Wie hat Deutschland Dich begrüßt? Wie waren Deine ersten Eindrücke?

Meine erste Zeit in Deutschland war geprägt von positiven Erfahrungen, aber eben auch der „dunklen Wolke“, die man als Flüchtling bei sich hat: Man ist in einer absoluten Ausnahmesituation – nichts ist sicher, man kann sich auf nichts verlassen. Man erinnert sich ständig an die Heimat, an die Vergangenheit, und weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Man wird sehr empfindlich für Menschen und ihre Reaktionen. Vor diesem Hintergrund schätze ich die freundlichen Initiativen vieler Leute, die zu treffen ich das Glück hatte und habe. Es tut mir gut, besonders, wenn es darum geht, Beziehungen aufzubauen, wo ich willkommen bin und mich sicher fühle. Das war zum Beispiel bei einigen Sozialarbeitern und Freiwilligen der Fall, zu denen meine Familie und ich eine enge Beziehung, basierend auf Respekt und Achtung, aufbauten. Gleichzeitig trafen wir aber auch Menschen, auch aus dem öffentlichen Sektor, die Unsicherheit und Angst in uns wachsen ließen – auch, weil sie weniger Respekt vor unserer Individualität zeigten.

t@cker: Was machst Du gerade? Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Ich habe mich schon früh an Universitäten beworben, obwohl ich noch keinen dauerhaften Aufenthaltstitel hatte – mein Versuch, mich wieder „auf die Reihe“ zu bekommen. Eine Uni akzeptierte mich, und dort setze ich nun mein Masterstudium in Medien- und Kommunikationsmanagement fort. Außerdem arbeite ich beim Robert-Koch-Institut, wo ich einen studentischen Job habe. Mein Plan für die Zukunft ist, einer humanitären Organisation beizutreten und in der PR oder im Kommunikationssektor zu arbeiten. Aber ich warte immer noch darauf, einen ständigen Wohnsitz zu bekommen – erst dann kann ich sicher sein und für einen längeren Zeitraum planen.

t@cker: Was denkst du über die Integration von Flüchtlingen: Was folgt auf die Willkommenskultur – brauchen wir jetzt eine Integrationskultur? Was sind Deine Anliegen und Hoffnungen beim Umgang mit Menschen auf der Flucht?

Wir sind immer noch mit sehr ernsten konservativen, offenen rechtsgerichteten Beeinträchtigungen und Botschaften gegen Flüchtlinge, fremdenfeindlich und antimuslimisch, rund um die Welt konfrontiert. Ich glaube, dass Integration eine Zwei-Wege-Straße ist, in der sowohl Einheimische als auch Neuankömmlinge ein gewisses Verständnis über den Lebensstil, Ideen und Werte der anderen erreichen können. Dieses Verständnis wird sie in der gleichen Gesellschaft zusammenbringen. Während des Integrationsprozesses können natürlich viele Missverständnisse, auch ein Aufeinanderprallen unterschiedlicher Ansichten, auftreten. Dahinter steckt auf allen Seiten vor allem Angst vor dem Unbekannten, glaube ich. Dieses Problem kann durch den Aufbau von Vertrauen auf gute Absichten gelöst werden. Geist und Herz müssen offen sein, um die „Anderen“ zu akzeptieren und kooperative und produktive Beziehung aufbauen zu können. Davon haben beide Seiten etwas. Kontraproduktiv und gefährlich ist die Manipulation der öffentlichen Meinung mit irreführenden Informationen. Sie kann Angst in Hass und wahrscheinlich sogar in Gewalt verwandeln, und das wird den Zusammenhalt der Gemeinschaft schädigen und Samen des Hasses in den kommenden Generationen pflanzen. Die verbreitete Ungewissheit über die Zukunft von Wirtschaft und Sicherheit wird von den populistischen Bewegungen in Europa genutzt, um ihre Ziele zu verfolgen und ihre Macht zu stärken. Doch das ist zu kurz gedacht. Das Misstrauen und die Disharmonie, geschaffen, um kurzfristige Ziele zu erreichen, werden nur zu verheerenden Ergebnissen in der Zukunft führen. Die entschlossene Antwort darauf muss sein, die sozialen Programme, die die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung unterstützen, zu stärken und weiter zu entwickeln. Wer sich nicht um die Zukunft sorgen muss und sich nicht unsicher fühlt, wird nie die Karte von Populisten ziehen. Ich denke, die Gesellschaften in Europa stehen an einer Kreuzung. Entweder sehen sie, wie ich, die großen Werte der EU, Einheit, Toleranz und Freiheit. Sie werden meiner Meinung nach zu mehr Wohlstand und Frieden führen. Oder aber sie wollen den Rückzug von diesen Werten. Der würde aber die Tür weit öffnen für eine vollkommen ungesicherte Zukunft, der die nachfolgenden Generationen gegenüberstehen würden. Ich hoffe, Europa und seine Werten noch in vielen Jahren zu sehen.

t@cker: Lieber Jihad, vielen Dank für dieses Interview und alles Gute! Ende

1 Das Al-Yarmouk Camp ist ein etwa 2,1 km² großes Stadtviertel und Flüchtlingslager in Damaskus und wird überwiegend von Flüchtlingen aus Palästina und deren Nachfahren bewohnt. Bis 2012 lebten hier etwa 150.000 Menschen, viele von ihnen flüchteten während des Bürgerkriegs zwischen Regierungs- und Oppositionstruppen und des Einmarschs von IS-Extremisten. Im Frühjahr 2015 war Al-Yarmouk von den Truppen des IS eingeschlossen und von Außenwelt und Versorgung abgeschnitten. Noch heute ist das Viertel stark umkämpft, etwa 6.000 Zivilisten harren immer noch dort aus.
2 Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten

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