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Bundesamt für Verfassungsschutz:

Im Verborgenen Gutes tun

3.000 Bundesverfassungsschützer passen auf, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik keinen Schaden nimmt.

Von Christine Bonath

Sie haben niemandem je ein Foto von ihrem Arbeitsplatz gezeigt, und Besuch ist nicht gestattet. Wenn Steffen Anheuser und Markus Achsenbichler, die in Wirklichkeit anders heißen, die streng gesicherte Pforte passiert haben und ihren Arbeitstag beginnen, kappen sie den privaten Kontakt nach draußen. Sie schalten ihre Smartphones aus und schließen sie ein. Als Beschäftigte des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) in Köln tun sie täglich nicht weniger als aufzupassen, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland keinen Schaden nimmt. Dafür haben sie sich verpflichtet, verschwiegen zu sein – und oft unsichtbar bei ihren dienstlichen Aktivitäten.

Die Chance, ein Gespräch mit zwei jungen Verfassungsschützern führen zu können, die sagen dürfen, dass sie im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) arbeiten, besteht nicht alle Tage. Das „Haus“ beschützt seine Leute sorgfältig, weil sich auch der kleinste Riss in seiner Hülle zu einer Bedrohung für seinen Auftrag ausweiten könnte: In der Bundesoberbehörde, deren Beschäftigte sich mehrheitlich damit befassen, Aktivitäten zu beobachteten und zu verfolgen, die die nationale Sicherheit in Gefahr bringen könnten, sind Gäste aber trotzdem willkommen. Das gebietet das Selbstverständnis des BfV als „Dienstleister der Demokratie“. Der Ort, an dem die Gäste empfangen werden, gibt allerdings nicht das Geringste von der Arbeit der gut 3.000 BfV-Beschäftigten preis.

Treffen am Dienstsitz in Köln-Chorweiler: Gäste sind willkommen, Identität und Aussehen der Mitarbeiter streng geheim.

„Das BfV ist der deutsche Inlandsnachrichtendienst. Wie der Name schon sagt, sammeln und prüfen wir Nachrichten, die wir zum erheblichen Teil auch aus frei zugänglichen Quellen schöpfen. Wir sind keine Spione“, sagt Steffen Anheuser zur Begrüßung. Im Konferenzraum des modernen Besucherzentrums der BfV-Zentrale in Köln-Chorweiler zerplatzen die unterbewusst gespeicherten Bilder aus James-Bond-Filmen wie Seifenblasen …

Da ist es fast unnötig, hinzuzufügen, dass Agent 007 oder seine coolen Klone, die sich durch actionsatte Problemlagen ballern, um die Welt zu retten, nicht ausschlaggebend für Anheusers Entscheidung waren, Mitarbeiter beim BfV zu werden. Der 28-Jährige, der in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt, war nach seinem Master-Abschluss in BWL zunächst in die Wirtschaft gegangen, fand aber bald heraus, dass er sich mit der Arbeitswirklichkeit dort immer weniger identifizieren konnte. „2015 las ich dann über den Hacker-Angriff auf den Deutschen Bundestag und dachte: Gegen derart massive Angriffe auf grundstaatliche Akteure wie die gewählten Volksvertreter muss doch etwas unternommen werden.“ Anheuser durchforstete das Stellenportal bund.de – und wurde fündig.

Ein nationales Frühwarnsystem

Seit knapp einem Jahr arbeitet der Betriebswirt, der – wie er mit Nachdruck betont – keine IT-Ausbildung hat, beim BfV als Referent in der Abteilung Cyber-Abwehr und Wirtschaftsschutz. Noch ist er – wie alle „Neuzugänge“ aus der freien Wirtschaft – Tarifbeschäftigter, die „nicht ab Tag Eins verbeamtet werden“. Es bestehen aber gute Chancen für eine zukünftige Verbeamtung – eine zusätzlich angenehme Aussicht für einen jungen Mann, der beruflich angekommen ist. ,,Die Vielfalt der Aufgaben und Themen, mit denen ich zu tun habe, macht jeden Tag total spannend. Wir planen, beobachten, werten Quellen aus und pflegen nationale und internationale Kontakte im IT-Bereich und beraten Unternehmen und Bürger in Fragen der Datensicherheit. Gelegentlich beantworten wir auch Anfragen von Bürgern, die erfahren möchten, ob der Verfassungsschutz ein Auge auf sie geworfen hat“, skizziert Steffen Anheuser, was er über seine Tätigkeit berichten darf.

„Das klingt jetzt wie auswendig gelernt, aber ich sage es trotzdem“, fügt er hinzu: „Man tut Gutes, wenn man hier arbeitet. Das BfV, das ja bekanntlich keine exekutiven Befugnisse hat, ist ein Frühwarnsystem für die nationale Sicherheit. Von uns kommen Hinweise, die Handlungsgrundlagen für das Bundesinnenministerium oder das Bundeskriminalamt und die Polizei liefern. Wir dürfen zwar nicht öffentlich über Falldetails sprechen, aber: Den Hackerangriff auf die OSZE, der sich im November 2016 ereignet hat, den haben unsere Leute zuerst gesehen.“

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV):

Dienstleister für die Demokratie

Das BfV ist der Inlandsnachrichtendienst der Bundesrepublik Deutschland. Als Dienstleister für die Demokratie beobachten die gut 3.000 Beschäftigten in der Zentrale in Köln und der Dienststelle in Berlin Aktivitäten, die sich gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland richten. Das BfV ermittelt auf Grundlage des Bundesverfassungschutzgesetzes bei gegen den Bund gerichteten oder länderübergreifenden Bestrebungen und Tätigkeiten, hat aber keine polizeilichen Befugnisse. Präsident der Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesinnenministerium ist seit 1. August 2012 der Jurist Dr. Hans-Georg Maaßen.

Studium war kein Spaziergang

Bei Markus Achsenbichler, dessen Name so auch nicht in einem Melderegister verzeichnet ist, war es nicht das Onlineportal “bund.de“, das ihn zum Bundesamt für Verfassungsschutz führte, sondern ein Bundespolizist. „Der Vater meiner früheren Lebensgefährtin war bei der Polizei. Als er mitbekam, dass ich nicht so recht wusste, was ich mit meinem Bachelor in Politik und Literaturwissenschaft anfangen sollte, gab er mir einen Tipp.“

Achsenbichler bewarb sich im Frühjahr 2015 beim BfV, wurde als Regierungsinspektoranwärter eingestellt und absolvierte die duale Ausbildung für den gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst, die er im Frühjahr 2017 beendete. Derzeit steckt der 28-Jährige mitten in der Einarbeitung im IT-Bereich. Er habe dort mit Aufgaben rund um die Fortentwicklung von Software zu tun, deutet er an und, dass er erst jetzt die Chance nutzen könne, tiefer in einen der spezialisierten und vielschichtigen Bereiche des BfV, einzutauchen. „Im Studium, das wir an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Brühl zusammen mit Studierenden aus anderen Bundeseinrichtungen absolviert haben, wurden wir zu einer Art Generalisten ausgebildet. Während der Praxismodule hatte ich dann Gelegenheit sowohl das BfV, als auch ein Landesdesamt für Verfassungsschutz besser kennen zu lernen: Die richtige Arbeit fängt aber jetzt erst an“, sagt Achsenbichler und räumt gut gelaunt ein, dass die drei zurückliegenden Studienjahre „nicht ohne“ gewesen sind: „Für mich als Geisteswissenschaftler waren BWL und Finanzwirtschaft schon harte Knochen. Unterm Strich kann ich sagen, dass mein Literatur-und Politikstudium verglichen mit der Ausbildung für die Bundesverwaltung ein Spaziergang war. Aber gelohnt hat es sich – auf jeden Fall!“, bekräftigt er: „Ich denke, dass man auf der richtigen Seite steht, wenn man hier arbeitet.“

 
     
Auf der richtigen Seite: Planen, beobachten, Quellen auswerten.

Social Detox und innerer Zusammenhalt

Beim Auflisten der persönlichen Voraussetzungen, die Bewerber mitbringen sollten, um Mitarbeiter beim Verfassungsschutz werden zu können, nennen beide Verfassungsschützer spontan: Interesse an Politik, gute Allgemeinbildung und – eine große Portion Neugier. Der Einwand, wie sich die letztgenannte Eigenschaft mit der strikten Verschwiegenheit vereinbaren lässt, zu der sie sich arbeitsvertraglich verpflichtet haben –wo doch die nächsten Verwandten der Neugier Klatsch und Tratsch sind – fordert die beiden dann doch heraus, ein wenig mehr über den inneren Zusammenhalt des „Hauses“ zu erzählen.

„Alles, was hier drinnen ermittelt, analysiert oder beobachtet wird, bleibt auch hier. Wir nehmen niemals Akten mit nach Hause, und dürfen unsere privaten Smartphones nur außerhalb des Geländes einschalten und benutzen – social Detox total – kann ich zur Nachahmung nur empfehlen“, grinst Steffen Anheuser. „Und wenn wir uns über dienstliche Themen unterhalten wollen, tun wir das mit den Kolleginnen und Kollegen: Der Zusammenhalt untereinander ist im BfV außerordenlich gut“, ergänzt Markus Achsenbichler.

Arbeitgeber BfV:

Dein Auftrag? Demokratie schützen ...

… mit diesem Slogan wirbt das Bundesamt für Verfassungsschutz in zwei Infobroschüren um Berufseinsteiger, die entweder ein Studium für den gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst oder eine Ausbildung zum Bürosachbearbeiter im mittleren nichttechnischen Verwaltungsdienst absolvieren möchten.

Ausdrücklich interessiert ist das BfV aber auch an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern, die bereits ein Studium oder eine Berufsausbildung vorweisen können.

Aufgrund der im BfV geltenden, besonderen Sicherheitsanforderungen werden alle Bewerberinnen und Bewerber einer erweiterten Sicherheitsüberprüfung mit Sicherheitsermittlung nach dem „Gesetz über die Voraussetzungen und das Verfahren von Sicherheitsüberprüfungen des Bundes (SÜG)“ unterzogen.

Weitere Informationen: www.verfassungsschutz.de/de/karriere

Und wenn – wie zuletzt wieder im Fall des Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri geschehen – ihr gesamter Freundeskreis „draußen“ gegen Versäumnisse zetert, die der Verfassungsschutz begangen und so die Katastrophe erst möglich gemacht habe, und sie als Insider natürlich wissen, dass das BfV in dem Fall keine Fehler gemacht hat, sondern die Federführung bei der Polizei lag – erklären sie ihren Kumpels dann, wie die Dinge in Wahrheit zusammenhängen? Nein. „Das sind so Momente“, sagt Markus Achsenbichler gedehnt. „Da muss man ein paar Mal tief durchatmen. Dann geht es schon wieder.“

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