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U-Haft in Berlin - Moabit:

Lebenslänglich…

Von Walter Schmitz (Text) und Jan Brenner (Fotos)
Thomas Steinbrecher
…dauert U-Haft nirgendwo – weder in der Berliner JVA Moabit noch anderswo, aber oft genug dauert sie länger als erwartet – viel länger. In Moabit sitzen „Strafer“ neben „Untersuchern“ ein, unterschiedliche Vorgaben, Anforderungen und Bedürfnisse prallen aufeinander, müssen unter einen Hut gebracht werden - irgendwie. Das kostet die Bediensteten viel Kraft und zehrt an den Nerven, während bei den Gefangenen der Frust oft genug eskaliert. Zwei gewaltsame Zwischenfälle ereigneten sich allein während unseres Redaktionsbesuchs, aus heiterem Himmel, aus nichtigen Anlässen. Zwei zu viel, nicht zu verhindern, oder doch? Die Justizvollzugsbediensteten in Moabit arbeiten längst am Limit, lebenslänglich…

Die Berliner JVA Moabit steht unter Denkmalschutz. 1877 bis 1882 wurde sie als „Königliches Untersuchungsgefängnis im Stadtteil Moabit“ errichtet. Damals lag sie an der städtischen Peripherie, niemand sollte mit den Schwerverbrechern in Berührung kommen. Heute liegt sie mitten in Berlin. Rund herum brummt das Leben, es hört an den Stacheldraht bewehrten Mauern auf. Die Stadt in der Stadt beginnt, in der vielleicht nicht eigene, aber andere Gesetze gelten, offizielle wie inoffizielle. Der Backsteinbau strahlt nostalgischen Charme aus. Errichtet in Form eines fünfstrahligen Sterns mit runder zentraler Mittelhalle, sind die einzelnen Flügel von überall einsehbar nach dem Vorbild des alt-ehrwürdigen Gefängnisses in Pentonville in der Nähe von London. Privates findet in Moabit nicht statt, weder für die Gefangenen noch für das Personal.

JVA Berlin - MoabitIm Laufe der Jahrzehnte wurde die Anstalt aufgestockt, erweitert, modernisiert, saniert und umgebaut. Heute besteht sie im Wesentlichen aus vier Häusern unterschiedlicher Größe und bietet Platz für knapp 1 300 Gefangene. Zurzeit kümmern sich circa 560 Bedienstete um etwa 1 100 Insassen: rund 600 „Strafer“, das sind verurteilte Täter, und circa 500 „Untersucher“, gegen die ermittelt wird und deren Verweildauer in Moabit niemand abschätzen kann.

Letzteres bringt Planungsunsicherheiten mit sich, die sich beispielsweise auf die Auftragsvergabe an die Werkstätten auswirkt. „Mancher Auftraggeber winkt ab, wenn wir ihm keine längerfristigen Zusagen machen können“, erklärt Hans Oberhinninghofen, der für die Lohnabrechnungen und das Arbeitsentgelt der Gefangenen in der Buchhaltung der JVA zuständig ist. Es gibt Arbeitsplätze in Schlosserei, Buchbinderei, Gärtnerei, Schneiderei/ Polsterei, Schuhmacherei, Tischlerei und in der Kfz-Werkstatt. Für interne Renovierungs- und Reparaturarbeiten gibt es darüber hinaus Arbeitsplätze im Technischen Dienst sowie im Bereich der Hausarbeiten innerhalb des Anstaltsbetriebs von der Fußbodenreinigung bis zur Essensverteilung. Therapeutische Arbeitsplätze und Freizeitangebote kommen hinzu.

Der Bedarf sei relativ groß, erläutert Thomas Krawczynski, Betriebsbuchhalter in der Arbeitsverwaltung, aber insgesamt stünden nur 400 Arbeitsplätze für 1 200 Insassen zur Verfügung: „Entsprechend lang ist die Warteliste. Die Gefangenen wollen arbeiten, um sich einerseits etwas hinzuzuverdienen, andererseits aber auch, damit ihnen im täglichen Einerlei der Strafanstalt die Decke nicht auf den Kopf fällt.“ Aber Wollen und Können sind zweierlei. Viele der Häftlinge bringen so gut wie keine Voraussetzungen mit, eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben. Das Ausbildungsniveau habe in den letzten 20 Jahren erschreckend abgenommen, und manche Gefangene seien bereits damit überfordert, den normalen Tagesrhythmus der Haftanstalt zu erlernen. Und andere – auch das ist die Realität in der U-Haft, bringen genug Geld von „draußen“ mit, dass sie gar nicht arbeiten müssen. U-Häftlingen stehen diese Privilegien zu, Strafgefangenen nicht. Sie müssen arbeiten – wenn denn ein Job für sie frei ist. Auch das bringe oft genug Reibereien zwischen „Strafern“ und „Untersuchern“ mit sich.

ArrestzelleWir folgen bei unserem ausführlichen Rundgang durch die Anstalt dem Personalratsvorsitzenden der JVA Moabit, Thomas Steinbrecher, auf dem Fuß. Für Uneingeweihte wie uns besteht die gute Chance, sich in dem verwinkelten Fuchsbau, den wir innerhalb mehrerer Stunden treppauf treppab erkunden, zu verlaufen. Doch unsere Annahme ist subjektiv: Die meiste Zeit haben uns Steinbrechers Kollegen im Blick, darüber hinaus schränken verschlossene Türen und Schleusen unseren Bewegungsspielraum erheblich ein. Ohne General-Schlüssel geht hier gar nichts, gibt es kein Durchkommen, nirgendwohin.

Wie es abläuft, wenn ein U-Häftling eingeliefert wird, erläutert uns Wolfgang Wilhelm, der im Zugangsbereich seinen Dienst tut. Die Männer werden „durchleuchtet“, visitiert einschließlich der Körperöffnungen. Narben, Tätowierungen oder Organfehlstellungen werden vermerkt. Alle Sachen, die sie nicht bei sich führen dürfen, werden aussortiert und in der Hauskammer der JVA deponiert. Wertgegenstände, zum Beispiel Zeugnisse oder Handys, werden in Boxen gepackt und in einen besonders gesicherten Tresorraum aufbewahrt. Irgendwann bekommen die Häftlinge ihr Eigentum zurück, entweder wenn sie verlegt werden, oder bei ihrer Entlassung. Den meisten von ihnen geht es dann – zumindest körperlich - wesentlich besser als bei ihrer Ankunft.

Manche Häftlinge kommen mit eiternden Wunden, Ekzemen oder schlicht „verlaust“ in die Haftanstalt. Viele sind alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängig mit allen negativen Begleiterscheinungen für sich selbst und für das Personal. „Es gibt nichts, was ich hier noch nicht erlebt habe“, sagt Wilhelm, und die weiße Hose trägt er nicht aus Modegründen, sondern weil darauf die überspringenden „Tierchen“ besser zu sehen sind…

Wolfgang WilhelmSind die Neuzugänge bei Wilhelm und seinen Kollegen durch, folgen Einkleidung, Ausstattung, ärztliche Untersuchung und noch vieles mehr, bis der U-Häftling in eine Zelle „einziehen“ kann. An der Eingangstür weisen kleine Schildchen auf Besonderheiten hin: „Untersucher“ ist dort zu lesen, „Weißbrot“, „Wurstaustausch“… „Ohne System und genau festgelegte Ordnungskriterien liefe hier gar nichts“, erklärt Steinbrecher. Sein Schlüssel knirscht - wieder einmal – in einem Schloss.

Wir wandern weiter durch das Haus, finden uns in der zentralen Mittelhalle wieder, die mit ihrem Kuppeldach, den Rundgängen und den zwischen den Etagen gespannten Fanggittern einen imposanten Anblick bietet. Uwe Nöldner, der heute dort als Zentralbeamter Dienst tut, hat nach dem erfolgten Zählrapport 461 Gefangene (davon 208 Untersucher und 263 Strafer) plus elf Neuzugänge im Haus 1. „Das Haus ist durch die täglichen Ein- und Abgänge von Gefangenen immer in Bewegung“, erklärt Nöldner, „mal sind es zwölf, die reinkommen und neun, die rausgehen, mal kommen sechs, mal gehen acht. Es gibt keinen Tag ohne Bewegung.“ Die Fluktuation fordert nicht nur von den Bediensteten viel Arbeit von den notwendigen Kontrollen bis hin zur Rückgabe der persönlichen Sachen, sondern bringt auch Unruhe in den Tagesablauf der Gefangenen, bei denen es sich in der Regel um Schwerverbrecher, um Mörder oder Täter aus dem Bereich der organisierten Kriminalität (Mafia) handelt.

Blick in die zentrale MittelhalleDie Stimmung ist heute etwas angespannt, denn kurz vor unserer Ankunft hat es in Haus 4 einen Zwischenfall gegeben. Ein Gefangener hat einen Vollzugsbeamten angegriffen und gegen den Kopf getreten. Der Anlass? Eine beiläufige Frage nach einem Einkaufszettel, wie uns Markus Tüngler später erklärt. Der Beamte ist dort zuständig für die Verteilung der Arbeitsaufgaben für die 41 Häftlinge im intern offenen Haus 4. „Warum passiert so etwas?“, wollen wir wissen. „Weil uns Häftlinge zugeteilt werden, die hier eigentlich nicht hingehören“, erklärt er lapidar. „Etwa zehn Prozent der Gefangenen haben psychische Probleme, viele sind gewalttätig und schlagen einfach zu, wenn ihnen etwas nicht passt.“

„Gewalttätige Zwischenfälle häufen sich“, fügt Steinbrecher hinzu, nicht zuletzt auch deshalb, weil täglich etwa 30 Dienstposten nicht besetzt sind. In diesem Jahr hatten wir bereits 32 Zwischenfälle nur in der Teilanstalt 1, davon zehn mit Gewalt gegen Bedienstete.“ Für heute bleiben die Zellen in Haus 4 jedenfalls zu, und der gewalttätige Gefangene wird den Rest des Tages und die Nacht in einer Arrestzelle im Kellergeschoss verbringen. Sein Abendessen, vier Scheiben Weißbrot, zwei Eier und Tee, steht, in Styroporgefäßen verpackt, bereit. Styropor deshalb, damit er die Beamten nicht mit dem Essgeschirr verletzen kann, wenn später die Arrestzelle geöffnet wird…

Sport in der JVAEs ist heiß und stickig in den Fluren, einige Gefangene schlurfen in Shorts und Flipflops vorbei: „Woher seid ihr denn?“ „Vom dbb magazin.“ „Kann man sich bei euch beschweren?“ Thomas Steinbrecher führt uns in einen der Innenhöfe. Hier dürfen sich die Gefangenen an der frischen Luft aufhalten, eine Stunde pro Tag, das ist ihr gutes Recht nach dem Strafvollzugsgesetz. Doch auf diesem Außengelände sind keine Hofgänger, sondern Fußballer beim Spiel zu Gange. Diszipliniert, konzentriert und ganz bei der Sache. Uwe Jaeschke, Vollzugsbeamter in der Sportabteilung, kann die Gruppe während eines kurzen Plauschs mit uns problemlos alleine weiterspielen lassen. „Die Jungs auf dem Platz sind hoch motiviert und wissen ganz genau, dass die Warteliste für einen Platz in einer der Sportgruppen ellenlang ist. Wenn sie Mist machen, müssen sie raus, das will niemand riskieren.“ Sport, erklärt uns Jaeschke, neutralisiere Aggressionen ebenso gut wie sinnvolle Arbeit. Doch die Plätze auf dem Sportplatz oder im Fitnessstudio seien ebenso rar – und begehrt wie in den Werkstätten. „Wir können nicht mehr anbieten, und je weniger Personal wir haben, desto schlimmer wird die Situation.“ Wir gehen zurück, an Brotscheiben vorbei, die die Gefangenen aus ihren Zellenfenstern auf den Innenhof geworfen haben. Futter für Vögel und Ratten… Im Keller führt uns Thomas Steinbrecher durch die Hauskammer, hier lagern unter anderem die persönlichen Besitztümer aus Freiheitstagen der Gefangenen, gut verwahrt, beschriftet und verzeichnet, hier unten lagern Teller und Schüsseln, Kleidungsstücke, Bettwäsche und Schuhe für den Anstaltsalltag. Hier unten befinden sich auch die Arrestzellen für Gefangene, die gewalttätig geworden sind und eine Gefahr für andere Häftlinge und für das Personal darstellen. Die Einrichtung, an Wand und Boden verschraubtes Bett und Toilette, ist karg und so gewählt, dass Angriffe auf Bedienstete mit Zellengegenständen nicht möglich sind.
(K)eine Idylle hinter Gittern
Alarm! Wir müssen den Gang räumen, Schlüssel knirschen in Schlössern, Ein tobender Gefangener wird in eine der Arrestzellen verbracht. Er rennt mit voller Wucht gegen die Tür, schlägt schreiend und brüllend gegen die Wände. Warum? Wir erfahren es nicht, gehen nach oben. „Ausgerastet“ sei er. Die Hemmschwelle ist bei vielen Häftlingen gefährlich niedrig. Die Vollzugsbediensteten müssen Tag für Tag mit gewalttätigen Zwischenfällen rechnen und damit fertig werden – irgendwie. Viele nehmen ihre Probleme aus dem Arbeitsalltag mit nach Hause, belasten ihre Familien. Personalrat Thomas Steinbrecher macht regelmäßig Angehörigenführungen durch die Haftanstalt, um den Ehefrauen, Ehemännern und auch den Kindern Eindrücke vom Arbeitsalltag in Moabit zu vermitteln.

Am Schluss unserer Tour stehen wir vor dem langen Übergang, der die JVA direkt mit dem Landgericht verbindet. Dort entscheidet sich, wie lange U-Häftlinge noch der Verurteilung noch in der JVA Moabit bleiben werden, Wochen, Monate, Jahre? Wie das Urteil auch ausfallen mag, für sie ist das Ende abzusehen. Für die Bediensteten sieht es ganz anders aus in Moabit, und Abhilfe ist zurzeit weder in personeller noch in finanzieller Hinsicht in Sicht. Sie bleiben trotzdem – noch...

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Oberstaatsanwalt Peter Vogt über die zunehmende Internetkriminalität

Dunkelziffer(n)…

Weltweite elektronische Vernetzung der Täter, Kinderpornografie im Internet, Betrügereien per E-Mail und Homepage oder Kommunikation von Banden, Phising, Stalking und Grooming im World Wide Web: Täter nutzen die neuesten technischen Möglichkeiten nur allzu gerne, der virtuelle Tatort ist seit Jahren auf dem Vormarsch – unaufhaltsam, wie es scheint. Die Entwicklung macht bislang überwiegend auf der falschen Seite Fortschritte: „Die Justiz muss aufrüsten, um der Internetstraftaten Herr zu werden“, sagt Peter Vogt, Oberstaatsanwalt aus Halle, im Mittagsgespräch mit dem dbb magazin. Als langjähriger Leiter der sachsen-anhaltinischen Zentralstelle zur Bekämpfung von Kinderpornografie hat er sich einen internationalen Namen gemacht und wurde zum Experten in Sachen Internetkriminalität.

Ohne sein iPhone geht Oberstaatsanwalt Peter Vogt nirgendwo mehr hin. Dass er sich eines Tages quasi mit Haut und Haaren auf die neuesten Technologien der digitalen Welt einlässt, sich mit seinem Smartphone jenem amerikanischen Konzern mehr oder weniger ausliefert, der seine Kunden wie kaum ein anderer ausspäht, Daten und Profile über sie sammelt, hätte sich der 53-Jährige vor zwölf Jahren nun wirklich nicht träumen lassen. Schmunzelnd betrachtet Vogt das Gerät, das nun auch beim Mittagsgespräch mit dem dbb magazin vor ihm auf dem Tisch liegt. „In dem Punkt habe ich mich für den bewusst sorglosen Umgang mit meinen Daten entschieden“, räumt der Jurist ein, die permanente Erreichbarkeit für die Familie, Freunde und Kollegen, die tollen Features von A wie Auskunft über W wie Wettervorhersage bis Z wie Zeitungs-Apps möchte er einfach nicht mehr missen.
Dennoch weiß Peter Vogt nur zu gut um die Schattenseiten, die die Digitalisierung und virtuelle Vernetzung der Welt mit sich bringen – er sieht sie seit Jahren jeden Tag. Abgründe taten sich auf, als er in seiner Zeit als Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Kinderpornografie in Sachsen-Anhalt das Ausmaß erfasste, in dem die Pädophilen ihren kranken, kriminellen Neigungen in der virtuellen Welt des Internets nachgehen. Auch in seinem allgemeinen Dezernat, das er in der Staatsanwaltschaft Halle zu Beginn dieses Jahres übernommen hat, ist Vogt bis heute „kein realer Betrüger“ untergekommen – „das meiste läuft heute im Internet“, so die nüchterne Feststellung.

„Der virtuelle Tatort ist massiv auf dem Vormarsch“

„Der reale Tatort hat sich verlagert, er ist ein virtueller geworden, und der ist massiv auf dem Vormarsch“, sagt Vogt. „Die Justiz muss personell und technisch aufgerüstet werden“, fordert der Oberstaatsanwalt, aus eigener Erfahrung weiß er, dass „wir der Entwicklung immer hinterherlaufen, wir agieren nicht, wir reagieren nur“. Vogt ist es wichtig zu betonen, dass insbesondere die Ermittlungsbehörden, Polizistinnen und Polizisten enorm engagiert sind, wenn es um die Bekämpfung von Internetkriminalität und dort vor allem gegen Kinderpornografie geht. Dennoch: „Wenn ich sehe, dass das Berufsbild Systemverwalter in unseren Behörden Seltenheitswert hat und Ermittler die PCs der Täter als Arbeitsmittel für ihre Polizeiarbeit nutzen müssen, stimmen da die Verhältnisse nicht“, ärgert sich Vogt. „Beim Vergleich Ausstattung Polizei – Internetkriminelle verliert immer die Polizei.“ Zwar eigneten sich die Beamten in ihrer Freizeit häufig umfangreichen technischen Sachverstand an. „Aber ein Polizeiober- oder –hauptmeister ersetzt keinen Informatiker.“ Als Vogt 1998 in der Kinderpornografie-Zentralstelle anfing, hatte er keinen Computer und damit auch keinen Internetzugang, das Versenden und Empfangen von E-Mails war nicht möglich. Vogts Arbeitsalltag sah dann so aus, dass er bei Vorliegen eines Internet-Falls einen Kollegen beim Landeskriminalamt anrufen und bitten musste, sich für ihn einmal die in Frage stehende Homepage anzusehen. „Siehst Du was?“ „Ich seh‘ da nichts. Soll ich Dir mal Bildmaterial mit der Post schicken?“ – Vogt zitiert einen Standarddialog von damals. Eine größer angelegte Kinderpornografie-Ermittlungsaktion in Rheinland-Pfalz erhielt seinerzeit den Namen „Nadelöhr“ – das lag am Drucker: In der ermittelnden Polizeidienststelle gab es nur einen, und das Ausdrucken der Akten und Beweismittel für die Staatsanwaltschaft dauerte schier endlos. Vogt kennt Dutzende solcher Anekdoten… „Glücklicherweise ist mittlerweile unstrittig, dass die technische Ausstattung besser werden muss“, ist er zuversichtlich.

Privat statt Staat – zweifelhafte neue Wege…

„Bedenklich“ ist aus Vogts Sicht indes die Tatsache, dass sich der Staat in Sachen Internetkriminalität zunehmend auf private Unterstützung verlässt. Symptomatisch dafür sei das mangelnde Fortbildungsangebot für Polizisten, Staatsanwälte und Richter: Ermittler und Strafverfolger müssen sich überwiegend privat weiter qualifizieren – etwa bei gemeinnützigen Vereinen wie „Dunkelziffer e.V.“. Im Kampf gegen Kinderpornografie und Kindesmissbrauch bietet die Initiative seit vielen Jahren bundesweit lnternetschulungen für Kriminalbeamte, Staatsanwälte und Richter aus allen Bundesländern an, mehr als 1.250 Beamte haben das Angebot mittlerweile wahrgenommen. Die Resonanz ist äußerst positiv, die Nachfrage stark – selten finden die Ermittler solch geballtes Fach- und Sachwissen, wie es die Privatinitiativen anbieten. Auszug aus dem Brief eines Seminarteilnehmers: „Die von Dunkelziffer angebotenen Seminare setzen Standards in der Erwachsenenbildung, die von vielen behördlichen Einrichtungen – nicht zuletzt aus Kostengründen – nicht annähernd erreicht werden.“

„Medienbruch zwischen Polizei und Justiz beheben“

Für viele im Justizbetrieb ist Internet noch immer Neuland, weiß Vogt. „Es gibt einen regelrechten Medienbruch zwischen Polizei einerseits und Staatsanwälten wie Richtern andererseits.“ So wüssten die meisten Richter und Staatsanwälte zwar trefflich alle medizinischen Feinheiten einer „Fraktur“ zu referieren, könnten aber selten zwischen Host- und Content-Provider unterscheiden oder erklären, was eine IP-Adresse ist. Bei den „Dunkelziffer“-Internetseminaren fangen die Dozenten daher gerne ganz unten an: Eine Sachgeschichte der „Sendung mit der Maus“ aus dem Jahr 1999 erklärt anschaulich, was das Internet überhaupt ist. Richtig zu Buche für Staat und Steuerzahler schlagen die zweifelhaften neuen Wege, die bei der Bekämpfung der Internetkriminalität mittlerweile notgedrungen beschritten werden. Weil – so die Rechtsprechung – das Auswerten beschlagnahmter Rechner nicht länger als neun bis zwölf Monate dauern darf und die Ermittler chronisch überlastet sind, hilft man sich in einigen Fällen mit der Beauftragung privater Auswerter. Nach drei Wochen liegt ein erstes Ergebnis vor, auf Grund dessen entschieden werden kann, ob weiter ermittelt wird oder nicht. Das Erstermittlungsergebnis kostet bereits 2.500 bis 3.000 Euro, eine detaillierte Ermittlung schnell bis zu 13.000 Euro. „Darf der Staat das – rechtlich? Finanztechnisch? Wie viele Ermittler könnten beschäftigt werden für dieses Geld?“ Vogt stellt die Fragen einfach in den Raum.

Peter Vogt im GesprächEine Frage des politischen Wollens

Es wird klar, dass im Kampf gegen die Internetkriminalität viel vom politischen Wollen abhängt. „Die rechtlichen Voraussetzungen sind hinreichend gegeben“, sagt Vogt, „materiell wie formell wissen wir, wie wir mit Straftaten im virtuellen Raum umzugehen haben“. Entscheidend sei, welche Mittel Polizei und Justiz zur Verfügung gestellt würden, um den Kampf auf Augenhöhe mit den Tätern zu bestreiten. Ein wesentlicher Knackpunkt neben adäquater technischer und personeller Ausstattung der Behörden ist die Vorratsdatenspeicherung. „Wir brauchen Beweise“, sagt Vogt, „und die gibt es im Internet nun einmal nur in Form von Daten bei den Providern.“ Nachdem das Bundesverfassungsgericht im März die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland in ihrer bisherigen Umsetzung für verfassungswidrig erklärt hat, dürfen Daten maximal sieben Tage lang von den Providern gespeichert. „Kein Wunder, dass Geschädigte und Ermittler da in der Regel den Kürzeren ziehen, weil die belastenden Daten schon längst wieder gelöscht sind, wenn die Straftat bekannt geworden ist“, sagt Vogt. Die Hysterie beim Thema Vorratsdatenspeicherung kann er ebenso wenig nachvollziehen wie mit der Materie befasste Polizisten, Staatsanwälte und Richter. „Es ist ja nicht so, dass wir am Schreibtisch sitzen und den ganzen Tag lang IP-Adressen ausspähen wollen“, stellt Vogt klar. Ebenso wenig stehe die Verkehrspolizei rund um die Uhr am Straßenrand und notiere sich Kfz-Kennzeichen „für alle Fälle“. „Wir brauchen die Daten doch nur, wenn wir Anlass zu der Annahme haben, dass eine Straftat vorliegt“, betont der Oberstaatsanwalt – „im realen Leben werden Datenspeicherung und Datenermittlungsarbeit der Behörden unter dieser Voraussetzung weithin akzeptiert.“ Mindestens 13 Millionen Internetseiten gibt es allein in Deutschland. Dass der Staat die nicht alle kontrollieren soll und kann, versteht sich von selbst. Allerdings muss er sich ebenso wie seine Bürger überlegen, inwieweit der Rechtsordnung auch im Internet Geltung verschafft werden soll. „Die Polizeipräsenz bei Großveranstaltungen oder in der Fußgängerzone stärkt das Sicherheitsempfinden der Bürger“, erklärt Vogt. „Im Internet fehlt diese Präsenz nahezu völlig, und der virtuellen Streife fehlt – wenn sie denn mal unterwegs ist – obendrein auch noch eine taugliche Dienstwaffe.“ Das muss sich ändern, findet Vogt, täglich beobachten er und seine Kollegen neue Auswüchse der Internetkriminalität. „Der Staat ist in der Pflicht, seine Bürger im Internet genauso zu schützen wie auf der Straße.“ Iba/sm

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