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Interview mit Wahlforscher Torsten Faas

AfD punktet generell bei Unzufriedenen – und Rechten

Jüngere Menschen setzen bei Landtagswahlen deutlich häufiger ihr Kreuz bei der AfD als die Wähler im Gesamtaltersschnitt – so das pointierte Ergebnis einer Auswertung von Wahlergebnissen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die der Mitteldeutsche Rundfunk nach der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. Juni 2021 veröffentlichte. In Sachsen-Anhalt wählte ein Drittel aller Männer zwischen 25 und 34 Jahren die AfD, auch die Frauen in Sachsen-Anhalt zwischen 25 und 34 Jahren wählten, geringfügig, öfter AfD als im Gesamtschnitt.

Wahlforscher Thorsten Faas plädiert für Vorsicht bei der Interpretation von Daten zum Wahlverhalten. (Foto: XtravaganT/Fotolia, Privat)

t@cker hat mit Thorsten Faas (45), Politikwissenschaftler und Wahlforscher, über diese Zahlen und deren Interpretation gesprochen. Faas ist Universitätsprofessor im Bereich „Politische Soziologie der Bundesrepublik Deutschland“ am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und sagt: Auffallend ist vor allem die niedrigere Wahlbeteiligung bei jungen Menschen.

t@cker: Platz 1 für die AfD unter jungen Wählern bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt – trotz zahlreicher Verstrickungen in die rechtsextreme Szene, Streitereien innerhalb der Partei und einem Landesverband, der vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall geführt wird. Was ist denn da los mit der Jugend, Prof. Faas?

Faas: Diese Zahl ging in der Tat sehr prominente durch die Medien nach dem Wahltag in Sachsen-Anhalt. Allerdings muss man da doch ein wenig vorsichtiger sein: Der AfD-Anteil war nämlich bei jungen Wähler*innen nicht oder kaum höher als bei den älteren. Allerdings verteilten sich die anderen Stimmen viel gleichmäßiger auf andere Parteien als das bei älteren Wähler*innen der Fall war, wo vor allem die CDU sehr stark punkten konnten. Zugespitzt könnte man also sagen: Für die Wahl der AfD ist das Alter gar nicht so entscheidend, sondern vielmehr für die Wahl anderer Parteien. Das macht Stimmenanteile um 20 Prozent nicht besser, zeigt aber eben doch: Es ist kein Jugendphänomen.

t@cker: Ist das ein rein ostdeutsches Phänomen?

Faas: Die AfD-Anteile sind in Ostdeutschland schon nochmal deutlicher höher als in westdeutschen Bundesländern. Das ist aber kein Phänomen, was spezifisch für junge Menschen ist. Auffallend ist dagegen, dass gerade die Wahlbeteiligung bei jungen Menschen traditionell niedriger liegt als bei älteren.

t@cker: Also junge Patrioten statt verbitterter Boomer? Warum wählen ausgerechnet die Generationen, denen nachgesagt wird, besonders progressiv zu sein, eine in weiten Teilen rechtsextreme Partei? Was hat die AfD, was die so genannten „Volksparteien“ nicht haben, welche Triggerpunkte trifft sie bei den jungen Menschen?

Faas: „Volkspartei“ ist an der Stelle ja erst einmal ein schillernder, teils sogar umkämpfter Begriff. Die Grünen etwa wollen gar nicht „Volkspartei“ sein, die AfD dagegen schon. Letztlich gelingt es der AfD an zwei Stellen zu punkten: Einerseits bei Menschen, die generell unzufrieden sind, Protest artikulieren wollen, gerade auch „die da oben“ verachten. Andererseits kommen Menschen hinzu, dass tatsächlich rechte Einstellungen haben.

t@cker: Was haben Corona und die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie in der Politik-Wahrnehmung der jungen Menschen „angerichtet“?

Faas: Für junge Menschen kommt da schon einiges zusammen: Ihr Risiko in Folge von Corona ist viel, viel geringer, zugleich stehen sie in der Impfreihenfolge sehr weit unten. Und eine wirkliche Lobby haben sie auch nicht… Trotzdem muss vorsichtig sein: Umfragen zeigen, dass junge Menschen gar nicht unzufriedener und verdrossener sind als andere.

„Kommunikative Lebenswelten weit auseinander“

t@cker: Was können, was müssen die anderen demokratischen Parteien unternehmen, um den Nachwuchs wieder zu erreichen?

Faas: „Erreichen“ ist ein gutes und zugleich schwieriges Stichwort. Tatsächlich liegen gerade die kommunikativen Lebenswelten sehr weit auseinander. Das gilt übrigens auch innerhalb der Gruppe junger Menschen: „TikTok“ ist ein sehr junges Phänomen, während Menschen, die nur etwas älter sind, durchaus noch Facebook nutzen. Diese sehr altersspezifischen Muster sind dabei für Parteien – mit knappen Ressourcen! – eine große Herausforderung: Wie wollen sie voll glaubwürdig auf allen Kanälen präsent sein, gerade wenn ihre Mitglieder im Mittel nicht mehr die allerjüngsten sind … Ende

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