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Weniger Niederschlag, höhere Temperaturen – der Klimawandel macht Natur und Menschen zu schaffen, auch in Brandenburg, das aufgrund seiner geografischen Lage ohnehin eines der trockensten Gebiete Deutschlands ist.

 

Klimawandel in Brandenburg

Extreme Dürre – und das schon im Mai. Carsten Linke vom Landesamt für Umwelt Brandenburg hat den Klimawandel fest im Blick und wirbt für „massiven Klimaschutz“.

Ab in die Wüste?

Von Britta Ibald

Heiß und trocken ist er, der märkische Sommer – seit eh und je. Brandenburg gehört, geografisch bedingt und meteorologisch betrachtet, zu den trockensten Gebieten in Deutschland, weil insbesondere der Harz im Zusammenspiel mit den Alpen im Süden und den skandinavischen Gebirgszügen im Norden dafür sorgt, dass grundsätzlich wenig Feuchtigkeit und Niederschläge im östlichen Flachland ankommen. Der Klimawandel aber verschärft nun seit Jahren diese Disposition: Es drohen extreme Dürre, längere Hitzeperioden und immer häufigere Extremwetterlagen, berichten die Brandenburger Klimaexperten und erklären, was zu tun ist.

Nicht nur bei Pollenallergikern sind die Frühlingsgefühle gemischt, wenn die Haselnuss mittlerweile schon Anfang Januar die ersten Blüten zeigt. Auch für Klimaexperten ist die seit Jahren zu beobachtende Vorverlagerung der Jahreszeiten ein alarmierendes Symptom des Klimawandels: Während der Vorfrühling zwischen den 50er und 80er Jahren mit dem Monatswechsel Februar-März einherging, ist er heute auf Mitte Februar vorgerutscht, zeigt der Blick auf die phänologische Jahreszeiten-Uhr des Deutschen Wetterdienstes. In diesem Jahr flogen die ersten Haselpollen Anfang Januar durch Brandenburg – ein neuer, trauriger Rekordwert. „Hinter uns liegt der kürzeste Winter seit Beginn der Aufzeichnungen“, sagt Carsten Linke. Er leitet den Bereich Klimaschutz, Klimawandel und Klimaanpassung beim brandenburgischen Landesamt für Umwelt, beobachtet den Wandel der Natur und Umwelteinflüsse in der Region schon seit fast drei Jahrzehnten. Unaufgeregt erläutert er bei einem – pandemiebedingten – Park-Spaziergang die wissenschaftlichen Fakten, die schonungslos belegen, dass der Klimawandel in vollem Gange ist.

Das Land der Seen und Flüsse wird trockener

Trockenfallende Flüsse, staubige Erde – Brandenburg, das Land der Seen und Flüsse, geht das Wasser aus. Das hat gravierende Folgen für Natur und Menschen.

In Brandenburg macht sich das insbesondere in Sachen Wasser bemerkbar: Das Land der Seen und Flüsse wird langsam aber sicher wasserärmer. Die winterlichen Niederschläge sind, normalerweise, Brandenburgs einzige nachhaltige Möglichkeit, die Grundwasserreserven aufzufüllen – überlebensnotwendig für die Trinkwasserversorgung und ein intaktes Gleichgewicht der Natur. Doch es regnet seit Jahren immer weniger in den immer kürzer werdenden Herbst- und Winterphasen. „Der Niederschlag kommt zu einer Zeit, wo er nicht mehr grundwasserrelevant wird oder weniger grundwasserrelevant als heute“, erläutert Carsten Linke. „Schnee brauchen wir im Winter, denn er sorgt für Grundwasserneubildung – und das haben wir immer, immer weniger. Dagegen gibt es im Winter vermehrt Starkregenereignisse und eine früher einsetzende Vegetation, die das Wasser eher aufnimmt. Das heißt: Langfristig laufen wir auf ein Defizit im Grundwasserbereich und in der Wasserverfügbarkeit allgemein zu.“ Die zunehmenden Starkregen, die vor allem im Sommer kurz und heftig auf den betonharten ausgetrockneten Boden niedergehen, kompensieren das Grundwasserdefizit mitnichten: Der Niederschlag läuft ungenutzt ab in Gullis und Flüsse, wo es zwar für einen enorm hohen punktuellen Schadstoffeintrag und/oder Hochwasser sorgt, nicht aber für eine nachhaltige Durchfeuchtung des Tiefengrunds.
„Hier!“, sagt Linke und tippt nachdrücklich mit dem Finger auf eine tief dunkelrote Karte von Brandenburg. Es ist der aktuelle Dürremonitor des Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ), ein Index für die Gesamtbodentrockenheit bis 1,80 Meter Tiefe: Im Land herrscht Dürre. Extreme Dürre. Im „Wonnemonat“ Mai. Heißt es ab in die Wüste für die Märker? Carsten Linke schüttelt den Kopf und ulkt sarkastisch: „Die Ostsee kommt ja auch immer näher …“ Galgenhumor beiseite, die Lage ist denkbar ernst: „Januar 2014 war der letzte Monat, in dem Brandenburg keinen Dürre-Marker hatte“, betont Linke, seitdem leuchtet es in einem Teil des Landes oder überall ununterbrochen gelb oder rot. Die Folgen der andauernden Trockenheit sind unübersehbar: Extremes Niedrigwasser an Flüssen wie Oder, Havel, Spree und Elster, ausgetrocknete Böden und eine Natur im Dauer-Dürrestress. Schon im Spätwinter galt in Brandenburg die höchste Waldbrandstufe, die Landwirte und Gemüsebauern bangen um die Jungpflanzen, kommen kaum aus mit den Wasserkontingenten, die ihnen für die Bewässerung der Felder zur Verfügung stehen. Jedes Jahr kauft Brandenburg Millionen Kubikmeter Wasser vom Nachbarland Sachsen, um alleine die Spree im Sommer im Fluss zu halten – „sonst würde sie stehen bleiben oder rückwärts fließen“, erklärt Linke. Und stellt unmissverständlich klar, dass eine Besserung nicht in Sicht ist.

Daseinsvorsorge: Anpassung an Klima-Extreme

Klimaanpassung als neue Aufgabe der Daseinsvorsorge: Ariane Walz kümmert sich im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz darum, wie mit den Auswirkungen des Klimawandels auf Menschen, Wirtschaft und Gesellschaft umzugehen ist – zunehmende Wetterextreme wie andauernde Hitzeperioden, Starkregen und Hochwasser erfordern konkrete Lösungen und Maßnahmen.

So steht es auch im Klimareport des Landes: Bis Mitte des Jahrhunderts, 2055, wird die durchschnittliche Temperatur um 1,4 Grad Celsius steigen, die Niederschlagsmenge sich um acht Prozent verringern. „Und die Wetter-Extreme nehmen zu“, ergänzt Ariane Walz. Die Geographin ist Referentin für Klimaanpassung im brandenburgischen Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz, wo das Management der klimawandelbedingten Wetterextreme mittlerweile fester Bestandteil der Daseinsvorsorge ist. „Hitzewellen, Hochwasser, Trockenheit – das sind ja alles Dinge, die die Menschen in ihrem privaten und Arbeitsumfeld ganz unmittelbar und konkret treffen. Deswegen müssen wir uns kontinuierlich und strategisch darum kümmern. Der Klimawandel ist da und wird nicht wieder weggehen“, weiß Walz. „Jahrhunderthochwasser“, „Jahrhundertsommer“ – diese Superlative werden, so die Experten, aller Wahrscheinlichkeit nach zur neuen Klimanormalität werden. „Viele aufeinanderfolgende Tage ohne Niederschlag, mehr heiße Tage und Tropennächte werden zu einer allgemeinen Verschlechterung des Bioklimas führen, zu einer erhöhten Gesundheitsgefährdung, sie beeinflussen die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit der Menschen. Auf all die Fragen und Herausforderungen, die sich daraus ergeben, brauchen wir Antworten und Maßnahmen“, sagt Walz, ob es um die Bauweise und klimafeste Ausstattung von Kitas und Schulen oder die Wasserversorgung von Industrie und Privathaushalten gehe. Kollege Linke macht deutlich: „Das ist halt nicht der zweiwöchige Sommerurlaub, in dem man sich freut, dass es so schön warm ist. Das wird der neue Alltag sein. Die Menschen müssen bei 30 Grad auf der Baustelle arbeiten oder an der Kasse sitzen, Schüler und Lehrer in der Schule schwitzen, und nachts gibt es keine Abkühlung. Das sind Situationen, für die wir Lösungen brauchen.“

Kohleausstieg und neue Technologien

Und wie sehen die Lösungen aus? Für die schon heute real existierenden Klimawandelfolgen pragmatisch: „Wir müssen über unseren Wasserkonsum reden. Wasser wird reglementierter werden – und teurer“, ist sich Carsten Linke sicher. Außerdem seien technische Lösungen gefragt, ergänzt Ariane Walz, also ganz handfeste Dinge wie nachhaltige Bewässerungssysteme für die Landwirtschaft, neue technologische Lösungen für den Bau von Gebäuden und öffentlichen Einrichtungen – „Sonnenschutz, Verschattung, Kühlung, all diese Dinge“. Und was das Einbremsen des Klimawandels generell angeht: „Massiver Klimaschutz auf allen Ebenen“, sagt Carsten Linke. Für Brandenburg heißt das: „Wir brauchen noch mehr erneuerbare Energien – und die Kohle muss weg.“ Der für 2030 beschlossene Ausstieg aus der Braunkohlegewinnung sei daher alternativlos und hätte eigentlich schon viel früher kommen müssen, sagt Linke, der schon zu Zeiten von Ministerpräsident Manfred Stolpe im Dienst und als Botschafter für ein Ende des Kohleabbaus in Brandenburg unterwegs war. „Es ist ganz wichtig, dass wir das jetzt, flankiert von einer vernünftigen und überzeugenden Strukturpolitik für die Menschen, hinbekommen“, mahnt Linke, die Kohle sei mit 35 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich Brandenburgs Haupt-Emissionsfeld. „Wenn wir den Ausstieg schaffen, wäre das wirklich ein großer und wirksamer Etappensieg auf dem Weg zu unseren Klimazielen“, sagt der Klimaschützer. Seine Kollegin und er sind sicher, dass die meisten Menschen das Thema Klimawandel mittlerweile sehr ernst nehmen und von der Politik nachhaltige Maßnahmen erwarten. „Jeder, der mit halbwegs offenen Augen durch die Welt geht, sieht doch, was los ist“, ist Carsten Linke überzeugt, „da muss man gar kein Wissenschaftler sein“. Wichtig sei es jetzt, das Wissen der Experten in Politik und Gesellschaft zu tragen und eine Klimaschutzbewegung ins Laufen zu bringen. Die „Fridays for Future“-Kampagne sei ein „beeindruckendes und ermutigendes Beispiel“ dafür, dass das funktioniere, freut sich Linke.

Klimaschutz und Klimaplan – in allen Politikfeldern

Brandenburgs neue Regierungskoalition, seit November 2019 im Amt, ist jedenfalls entschlossen, den Klimaschutz voranzutreiben. „Erstmals gibt es ein Klimaschutzministerium – diesem Namen wollen wir mit einem Klimaplan mit konkreten Projekten und Maßnahmen gerecht werden“, sagte Axel Vogel, Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz kurz nach seinem Amtsantritt. Ob Wohnen, Verkehr, Energie oder Landwirtschaft – die Landesregierung müsse in allen Politikfeldern handeln, damit Brandenburg so schnell wie möglich drastisch weniger Treibhausgase ausstoße und die Klimaziele von Paris erreichen könne, so der Minister. „Klimaschutz ist im Koalitionsvertrag verankert und ein Schwerpunkt der Landesregierung. Kohleausstieg und der Verzicht auf neue Tagebaue sind beschlossene Sache. Wir werden eine integrierte Energie- und Klimastrategie entwickeln sowie alle Gesetzesinitiativen daraufhin prüfen, welche Folgen sie auf das Klima haben“, versprach Vogel. Ab in die Wüste? Keine Option für Ariane Walz, Carsten Linke und all ihre Mitstreiter.

  Der Klimawandel in Brandenburg auf einen Blick: Weniger Regen, mehr Hitze, Vegetation aus dem Takt. Mit Klimaschutz in allen Politikfeldern will das Land die Klimawende jetzt angehen.

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