Anzeige

Politische Influencer*innen

Jung & naiv, Parabelritter & Co.

Vielleicht ein aufsteigender Stern am Politik-Influencer-Himmel? „Der Dunkle Parabelritter“ alias Alexander Prinz aus Halle.(Foto: © Screenshot/dbb)

 

Spätestens seit der „Zerstörung der CDU“ durch den YouTuber Rezo ist klar, dass es in den gängigen sozialen Netzwerken einen neuen Trend gibt: Politisierung. Das Video, in dem der junge Nordrhein-Westfale kurz vor der Europa-Wahl 2019 knapp eine Stunde lang die Politik der Union auseinandernahm, ging „steil“ und wurde bis heute fast 19 Millionen Mal aufgerufen. Und der junge Mann mit den markanten blauen Haaren legte jüngst nach: Ende August hieß es „Zerstörung der CDU 2.0“, was erneut enormes Aufsehen in Politik und Medien erregte. Mittlerweile nimmt eine immer breitere Öffentlichkeit die wegen ihrer hohen Follower-Zahlen „Influencer“ genannten Akteur*innen in den sozialen Netzwerken auch als Beobachter*innen von Politik wahr. t@cker stellt einige von ihnen vor.

Stolze 1,5 Millionen Follower hat „MrWissen2Go“ alias Mirko Drotschmann, der mittlerweile vom öffentlich-rechtlichen Jugendsender „funk“ produziert wird. (Foto: © Screenshot/dbb)

„Nutzer*innen zum Diskurs zu ermutigen und sich mit Politik reflektiert auseinanderzusetzen“ lautet die Intention der politischen YouTuber. Das haben Dr. Claudia Wegener, Professorin für Audiovisuelle Medienwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg, und Matthias Heider, Master-Student an der Filmuniversität Babelsberg, in ihrem Lehrforschungsprojekt ermittelt, in dem ausgewählte YouTuber mit relativ hohen Reichweiten und regelmäßigen politischen Veröffentlichungen qualitativ befragt wurden. Deutlich wurde auch, dass die Vlogger „nicht als Meinungsführer fungieren, sondern sich selbst eher in der Rolle eines Initiators politischer Meinungsbildung“ sehen.
Ausgangspunkt ist in der Regel das eigene Interesse an politischen Themen, wobei nicht alle YouTuber einen rein politischen Kanal betreiben. Viele wollen ihre Zuschauer*innen einfach motivieren, sich grundsätzlich für politische Themen zu interessieren und aktuelle Debatten im gesellschaftlichen Gesamtkontext zu sehen, schreiben die Studienautoren. „Die Videos sollen helfen, das ‚Weltgeschehen besser zu verstehen und einordnen zu können‘, eine eigene Meinung herauszubilden und Ansichten kritisch zu hinterfragen. Ein YouTuber sieht die Chance der Plattform gerade darin, als ‚Anfänger-Einstiegsmedium‘ zu fungieren für junge Leute, denen die klassischen Medien zu komplex und zu unverständlich sind“. Auch die thematischen Auswahlkriterien der YouTuber unterscheiden sich laut Studie mitunter deutlich von jenen in der klassischen politischen Berichterstattung: Neben persönliche Themeninteressen lassen sich die YouTuber häufig von anderen Medien inspirieren, vor allem aber von den Zuschauerwünschen: „70 bis 80 Prozent der Themen auf meinem Kanal kommen von Leuten, die sich das gewünscht haben“, sagte einer der Influencer den Forschenden.

„Jung & naiv“: Der Kanal von Tilo Jung ist Kult – dummdreiste Fragen und hartnäckiges Auftreten gegenüber Politiker*innen zeichnen die Arbeit des Vloggers aus.
(Foto: © Screenshot/dbb)

 

YouTube wichtigste Plattform für junge Menschen

Seit dem Interview des YouTubers LeFloid mit Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015, dessen Reichweite die etablierten Medien vor Neid erblassen ließ, ist das Angebot politisch orientierter Vloggerinnen und Vlogger stetig gewachsen, sie erreichen Millionen von deutschen Jugendlichen, vor allem auf YouTube. YouTube ist laut aktueller JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest „unbestritten bei jungen Menschen die wichtigste Plattform für Bewegtbild-Inhalte“. 90 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren nutzen demnach YouTube mindestens mehrmals pro Woche, 63 Prozent täglich. Etwa ein Drittel dieser Altersgruppe sehen sich dabei Videos zu aktuellen Nachrichten an – beispielsweise von „MrWissen2Go“ alias Mirko Drotschmann. Der Journalist, Historiker und Autor geht mit seinem Kanal seit 2012 regelmäßig auf Sendung. Er beschäftigte sich in seinen gut zehnminütigen Clips nicht nur mit tagesaktuellen Schlagzeilen, sondern auch mit weitreichenderen Fragestellungen wie „Was passiert, wenn in Deutschland Krieg ausbricht?“ oder „Wer ist Wladimir Putin?“, gerne ergänzt mit Zahlen und Bildmaterial. Auf stolze 1,5 Millionen Abonnent*innen bringt es der YouTuber mittlerweile und wird seit 2017 von „funk“ produziert, dem Gemeinschaftsangebot der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF für junge Menschen. Hier senden auch zwei der wenigen weiblichen YouTube-Vloggerinnen im politischen Bereich, Victoria Reichelt und Eva Schulz. „Deutschland3000“ heißt ihr Format, in dem sie neben aktueller Politik auch Themen von Antisemitismus bis Müllvermeidung temporeich und angriffslustig vermitteln. Auf dem zugehörigen Instagram-Account von „Deutschland3000“ stellen die beiden derzeit die Wahlprogramme der großen Parteien zur Bundestagswahl auf den Prüfstand der Follower-Fragen – kurz und knackig in unter zehn Minuten. "Politik nicht da, wo sie gemacht wird – sondern da, wo sie ankommt“, lautet der Claim von „Deutschland3000“.
Im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlich produzierten YouTubern ist Tilo Jung ein Einzelkämpfer. Anfang Februar 2013 spielte der gebürtige Norddeutsche, der in Berlin lebt, zum ersten Mal die Rolle des naiven, unbedarften Reporters und stellte die Videoclips unter dem Namen „Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte“ in seinem YouTube-Kanal ins Netz.
Jung behandelt nicht nur innenpolitische Themen, sondern auch die Außenpolitik, und sein Stil als dummdreister Frager, der seinen Interviewpartner*innen gerne mal unangenehm auf die Pelle rückt und hartnäckig bleibt, ist mittlerweile Kult, ebenso wie seine Fragen bei den Regierungspressekonferenzen. Auch in der Form seiner Beiträge unterscheidet sich Jung von vielen seiner Kolleginnen und Kollegen auf YouTube. Er führt Interviews und sendet sie ungeschnitten, was mit Sendezeiten bis zu zwei Stunden eigentlich nicht YouTube-kompatibel ist. Doch die Abonnentenzahlen geben ihm Recht, fast eine halbe Millionen Menschen folgen „Jung & Naiv“, der Kanal wurde bereits 2014 mit dem Grimme-Online-Award in der Kategorie Information ausgezeichnet.

Heavy Metal und Meinung aus Halle

Ein möglicherweise gerade aufsteigender Stern am Politik-Influencer-Himmel ist „Der Dunkle Parableritter“. 196.000 Abonnent*innen folgen dem YouTube-Kanal von Alexander Prinz aus Halle, der 2012 mit Kurzfilmen und Comedy-Clips startete und dann zum Schwerpunkt Heavy Metal kam. Zwischen Reportagen über Musikfestivals wie Wacken und Ragnarök mischen sich mittlerweile auch zahlreiche Clips, in denen sich der Parabelritter mit aktuellen politischen Themen und Akteuren auseinandersetzt – so zuletzt beispielsweise mit dem CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet oder dem Thema Lobbyismus.

Von Fitness und Selbstliebe zur Politik: Louisa Dellert influenct auf Instagram und im eigenen Podcast.
(Foto: © Screenshot/dbb)
      Lage der Nation – der politische Podcast von Philip Banse und Ulf Buermeyer aus Berlin ist natürlich auch auf Instagram vertreten.
(Foto: © Screenshot/dbb)

Fitness, Selbstliebe – und Politik

Wer glaubt, Youtube zeigt, dass Frauen weniger politisches Interesse und Sendungsbewusstsein als Männer hätten, wird auf Instagram eines Besseren belehrt – hier sprechen immer mehr junge Influencerinnen auch „harte Themen“ an. Ein Beispiel: Louisa Dellert. „In einem Moment spreche ich mit Scholz, im nächsten steige ich nackt aus dem Meer“, sagte sie letzten Sommer dem SPIEGEL in einer Geschichte über Politik und Influencer. Dellert bietet seit rund drei Jahren politische Inhalte auf ihrem Insta-Kanal an, auf dem es früher vorwiegend um Fitness, Selbstliebe und Nachhaltigkeit ging. Mittlerweile zählt sie auf dem politischen Parkett der Hauptstadt zu den bekannten Influencer*innen, regelmäßig trifft Dellert prominente Politikerinnen, Politiker und Expert*innen zum Interview und berichtet darüber auf Instagram und in ihrem Podcast. Angefangen hat Dellerts politisches Engagement laut SPIEGEL mit FDP-Chef Christian Lindner. Dem schrieb sie einen ruppigen Kommentar unter ein Foto auf Instagram, weil sie sich über eine seiner Aussagen in einer Talkshow geärgert hatte. Lindners Social-Media-Team reagierte prompt, zwei Wochen später traf Dellert den FDP-Vorsitzenden zu einem Gespräch im Bundestag. So ging es los.

Auf die Ohren: Podcast „Lage der Nation“

Politik zum Hören bietet neben den gängigen Morgen-, Mittag- und Abend-Podcasts diverser Großmedien auch die „Lage der Nation“. Seit 2016 moderieren ihn der Journalist Philip Banse und Richter Ulf Buermeyer aus Berlin, wöchentlich erscheint eine neue Ausgabe zum tagesaktuellen politischen Geschehen. In dem jeweils von beiden moderierten Gesprächen werden die Themen zuerst hinsichtlich der vorliegenden Fakten auf der Basis von Primärquellen und Zeitungsartikeln beleuchtet und daraufhin von den Moderatoren persönlich kommentiert. In jeder Folge setzen sich die Moderatoren auch mit dem Feedback der Hörer auseinander. Die Länge einer Episode schwankt zwischen sechzig und neunzig Minuten und ist von Themenlage und der freien Zeit der Moderatoren abhängig.
So lohnt es sich gerade in den politisch spannenden Tagen vor der Bundestagswahl ganz bestimmt, auch mal bei der/dem einen oder anderen Influencer*in reinzuschauen oder reinzuhören – die Politik ist längst im sozialen Netz angekommen. Ende

Seitenanfang