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Corona-Krise offenbart Gleichstellungs-Defizite

Frauen: Zurück zu Heim und Herd?

Die Coronavirus-Krise und die dadurch erforderlichen Umstrukturierungen des beruflichen und familiären Alltags haben insbesondere die Frauen in ein längst überwunden geglaubtes tradiertes Rollenbild zurückkatapultiert.

„Die Frauen werden eine entsetzliche Retraditionalisierung erfahren. Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann und dass wir von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren. Wir sehen es ja an der Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen, die jetzt schon wieder zurückgeht.“ Jutta Allmendinger, Soziologin, Arbeitsmarktexpertin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), zeigte sich Anfang Mai in einer ARD-Talkshow vollkommen desillusioniert über die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern: Die Krise und die dadurch erforderlichen Umstrukturierungen des beruflichen und familiären Alltags haben insbesondere die Frauen in ein längst überwunden geglaubtes tradiertes Rollenbild zurückkatapultiert. Mittlerweile greifen auch Initiativen dieses Thema mit seinen zahlreichen Aspekten auf und fordern eine kritische Auseinandersetzung – und natürlich ein Umdenken und Maßnahmen, um Gleichstellungsdefizite zu verhindern.

„Zwangsweise haben wir in den vergangenen, zähen Corona-Wochen die totale Häuslichkeit gelebt. Haben gekocht wie die Weltmeister, haben so viel gebacken, dass die Hefe verknappte, haben noch die verstaubtesten Brettspiele aus dem Keller geholt und mit den Kindern gespielt, haben geputzt, mehr als sonst – natürlich, es waren ja alle Familienmitglieder ständig da…“, schrieb Gisela Rauch, Redakteurin der Main-Post, am 16. Mai 2020 und bestätigte süffisant Allmendingers Feststellungen in Sachen „Heimunterricht und Homeoffice, Spiel- und Spülnachmittage“. Anstelle des verdienten Muttertagslobes forderte sie eine „Systemkritik und baldige Systemänderung“. Denn sie sei ja nicht alleine, so Rauch, „wenn ich das Gefühl habe, in den letzten Wochen mehr denn je geackert zu haben“. Die Notwendigkeit, sich um Haushalt, kita- und schulgesperrte Kinder zu kümmern, schulterten Mütter „weitaus stärker als manch ein Vater in seinem – besser bezahlten – Homeoffice“. Nur in Teilen sei es den Frauen gelungen, die Partner gleichberechtigt in die Kinderbetreuungs- und Haushaltspflichten einzubinden. Zudem seien die Arbeitsstrukturen noch immer nicht auf eine gleichberechtigte Verteilung von Familienpflichten auf Frauen und Männer eingestellt.

„Die Not dieser Tage ist ungleich verteilt zwischen Männern und Frauen und entwürdigend für jene, die die meiste Arbeit für die Gesellschaft und die Gemeinschaft erbringen“, sagt Soziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Erschreckend realistisches „Retro-Szenario“

Das räche sich jetzt, stellt die Journalistin fest und zeichnet ein in diesen Tagen erschreckend realistisches „Retro-Szenario vom Mütterchen am Herd, das morgens dem Besserverdiener-Gatten winkt und dann ins Haus zurückeilt, um zu kochen, Kinder zu betreuen und nebenbei im Homeoffice“ zu wirbeln. Was tun? Beratungs- und Krisengremien brauchen weiblichen Blick, fordert Rauch. „Erstens: Strukturen ändern! So sollten beispielsweise in einem Gremium, das über Lockdown-Strukturen und Exit-Strategien in einer Krise berät, mehr Frauen, mehr Mütter vertreten sein, weil nur dadurch die Auswirkungen von Maßnahmen auf diese ohnehin überbelastete Gruppe gesehen werden können. Zweitens: Per Lobbyarbeit Forderungen laut werden lassen. Würde man auf die sichere Wiedereröffnung der Kitas soviel Energie verschwenden und so viele Regelungen anpassen wie auf die Wiederaufnahme des Bundesliga-Spielbetriebs, dann könnten wir Mütter hoffnungsvoller in die Zukunft blicken.“

Es geht um den Verlust von Würde

Die negativen Folgen, die der pandemiebedingte Rückfall in alte Zeiten für die Frauen hat, sind unübersehbar. Nicht mit wehenden Fahnen und froh, die Last der Erwerbsarbeit abgeschüttelt zu haben, sind sie wieder in ihre Wohnungen und Häuser zurückgekehrt sind, belegen Umfragen, die Jutta Allmendingers WZB aktuell durchgeführt hat. Im Gegenteil: Ihre Zufriedenheit knickt massiv ein, die Zufriedenheit mit ihrer Erwerbsarbeit, mit ihrer Familiensituation, mit ihrem Leben. „Retraditionalisierung ist daher ein fast noch verharmlosendes Wort. Es ist zu schmusig, zu nett. Es geht um den Verlust der Würde von Frauen, von Respekt, von Rechten“, stellt Allmendinger in einem Beitrag für die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ (12. Mai 2020) schonungslos fest. Sicher habe sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges getan, bessere Betreuung, mehr Geld für Familien und Anreize für Väter, die Kinderbetreuung zumindest für zwei Monate zu übernehmen. „Aber die meisten institutionellen Flankierungen haben sich gehalten. Das Ehegattensplitting ist in Zement gegossen. Die Mitversicherung in der Krankenkasse ebenso. Nur wenige Frauen besetzen Führungspositionen. Sie sind in Kommissionen, so als fleißige Lieschen, den Vorsitz bekommen meist Männer. Insbesondere aber hat sich die Vorstellung gehalten, dass sich Frauen ändern müssen. Sie sollen wie Männer werden. Hohe Arbeitszeiten, wenige Unterbrechungen, permanente Präsenz“, konstatiert die Soziologin. Allmendinger rät: „Die großen Unterschiede könnten auch ganz anders behoben werden. Männerbiografien könnten sich jenen von Frauen annähern. Bezahlte und unbezahlte Arbeit würden beide zu gleichen Teilen übernehmen. Man träfe sich bei einer 32-Stunden-Woche. Der Wirtschaft würde das guttun. Kein Verlust an Arbeitsvolumen, kein Verzicht auf die gut gebildeten Frauen, hohe Gewinne in der Lebensqualität, für die Zivilgesellschaft, Zeit für sich und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Die Lösungsansätze lägen seit fast vier Jahrzehnten auf dem Tisch, betont Allmendinger: „Gleicher Lohn für vergleichbare Arbeit, höhere Tarifierung von Frauentätigkeiten, mehr Elternmonate für die Väter, weg mit den Karotten, die Frauen niedrige Verdienste aufgrund von Steuereinsparungen nahelegen. Anfangsquotierungen, die helfen, bis es alle Männer verstanden haben, dass auch Frauen viel zu leisten vermögen“, spricht die WZB-Präsidentin Klartext. Der lange Weg aus der Krise verlange zudem nach einer systematischen Überprüfung aller konjunkturellen Hilfsprogramme: Helfen sie Frauen wie Männern gleichermaßen? „Wir brauchen dringend ein solches Gender Budgeting, ein geschlechtergerechtes Haushalten. Nur dann haben wir aus der Not dieser Tage gelernt, die so ungleich verteilt ist zwischen Männern und Frauen. Und so entwürdigend für jene, die die meiste Arbeit für die Gesellschaft und die Gemeinschaft erbringen.“

    Systemrelvant und schlecht bezahlt – Tijen Onaran aus Berlin, Gründerin und CEO des Unternehmens Global Digital Women (GDW), startete die Aktion #Sheroes, um den Frauen, die während der Krise beklatscht, aber sonst eher wenig beachtet werden, eine Stimme zu geben.
         
   
         
Sheroes: Grundschullehrerin, Rettungsassistentin, Fachkraft für Anästhesie und Intensivpflege – nicht nur in Krisenzeiten stehen viele Frauen im Dienst der Menschen und der Allgemeinheit.

#Sheroes – was auf den Applaus folgen muss

Was auf den global mittlerweile allgegenwärtigen abendlichen Applaus für die Menschen in den so genannten systemrelevanten Berufen – Gesundheitswesen und Pflege, Betreuung und Soziale Arbeit, Versorgung und Reinigung, also überwiegend weiblich besetzte und verhältnismäßig schlecht bezahlte Jobs – folgen muss, formulieren eben jene „systemrelevanten“ Frauen seit Kurzem online unter dem Hashtag #Sheroes. Tijen Onaran aus Berlin, Gründerin und CEO des Unternehmens Global Digital Women (GDW), hat die Aktion gestartet, „um den Frauen eine Stimme zu geben“. Und so berichten sie aus Krankenhäusern, Rettungsdiensten, Schulen, aus dem Einzelhandel und aus der Selbständigkeit, wie es ihnen in diesen bewegten Zeiten ergeht und was sie sich für die Zukunft wünschen. Unter der Rubrik „Sheroes“ stellt das Unternehmen auf seinen sozialen Netzwerken Frauen vor und lässt sie ihre Geschichte erzählen. In Videos berichten sie von ihrer Berufung, aus ihrem beruflichen Alltag und formulieren deutlich ihre Wünsche und Ziele. Am häufigsten wünschen sich die starken Frauen, dass die aktuelle gesellschaftliche Anerkennung auch nach der Krise, die die Coronavirus-Pandemie ausgelöst hat, anhält. Und Tijen Onaran ergänzt: „Dem Applaus muss eine bessere Bezahlung folgen.“ Ende

 

Hier geht’s zu den #Sheroes:
Instagram: https://www.instagram.com/global_digital_women/
twitter: https://twitter.com/gd_women
LinkedIn: https://www.linkedin.com/company/global-digital-women

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