Anzeige

Nachwendekinder

Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen

Wenn Johannes Nichelmann an die Erzählungen über das Leben in der DDR denkt, dann handelt es sich entweder um ein vierzig Jahre lang andauernden Sommerausflug an den See oder ein niemals enden wollenden Aufenthalt im Stasi-Knast. Er will sich mit diesen eindimensionalen Vorstellungen nicht mehr zufriedengeben. Zwar kennt er die wichtigen politischen Ereignisse aus der Geschichte der DDR, aber nicht das Leben seiner Eltern entlang dieser Entwicklungen. (Un)bewusst spürt er das Unbehagen, das mit der Reflexion der eigenen Rolle in der DDR einhergeht. Doch er sucht die Aussprache, nicht nur mit seiner eigenen Familie. Er möchte eine ehrliche Debatte anstoßen, um aus diesem Teil der Geschichte etwas zu lernen. Nichelmann trifft sich mit anderen Nachwendekindern. Nachwendekinder gehören zu der Generation, die nach 1985 geboren sind und keine eigenen Erinnerungen an die DDR haben. Er fragt die jungen Ostdeutschen nach ihrem Verhältnis zur DDR und der eigenen ostdeutschen Identität. Im Dialog zwischen der Elterngeneration und ihnen zeigt sich ein differenziertes Bild vom Leben in DDR. Einige Familien sprechen zum ersten Mal offen miteinander über die eigene SED-Mitgliedschaft und den Glauben an den Sozialismus.

Johannes Nichelmann, geboren 1989 in Berlin, studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 2008 arbeitet er als freier Reporter, Autor und Moderator für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zunächst für die RBB-Jugendwelle „Fritz“, später vor allem für Deutschlandfunk. Für seine Radiodokumentationen hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem den „Kurt-Magnus-Preis der ARD“ für das „junge Lebenswerk“ (2013), den „Robert-Geisendörfer-Preis“ der Evangelischen Kirche (2014) und den „Deutschen Sozialpreis“ (2018).

Nachwendekinder – Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen, Johannes Nichelmann, Ullstein 2019, 272 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 20 Euro.

Zum Beispiel Lukas, der erst kürzlich durch den Anruf eines Unbekannten erfuhr, dass sein Vater für das Regime spionierte. In den Erzählungen der Eltern wurden viele Lebensbedingungen in der DDR bis zu diesem Zeitpunkt idealisiert. Es hätte keine existenziellen Ängste, keine Arbeitslosigkeit, aber genug Kitaplätze gegeben.

Lukas bittet seine Familie um ein Gespräch. Er will zu Beginn nicht gleich auf Konfrontationskurs gehen und hört erst einmal zu. Er erfährt, warum sein Vater Rainer sich zunächst freiwillig nach der Schule für drei Jahre Dienst in der NVA verpflichtet und schließlich versucht, dieser Verpflichtung zu entkommen. Lukas ist erstaunt, dass sein Vater 1987 ein unangemeldetes Konzert organisiert und nicht zum ersten Mal verhaftet wird. Sein Vater erzählt schließlich auch, wie es zu den „konspirativen Treffen“ kam. Rainer berichtet zunächst über die Punk-Szene an einen Führungsoffizier. „Ohne Namen zu nennen“, wie er klarstellt. Doch schließlich wird er auch dafür bezahlt, die „Schwulenszene“ zu beobachten. Anders als in der Bundesrepublik war der Paragraph, der Homosexualität kriminalisiert, zwar schon lange abgeschafft, die LGTB-Szene hatte es in der DDR dennoch nicht leicht. Insbesondere die engen Verbindungen zur West-Berliner-Szene waren von staatlichem Interesse.

Drei Stunden lang reden Lukas und sein Vater, in Anwesenheit des Autors. Ihm erzählt Lukas später, dass sich sein Bild von der DDR durch das Gespräch gedreht hätte. Der Überwachungsstaat, der immer andere Familien betraf, gehöre nun zur eigenen Biographie. Für Lukas wäre es wichtig gewesen, diesen Teil der Familiengeschichte aus erster Hand zu hören.

Johannes Nichelmann hat in seinem Buch „Nachwendekinder“ lebendige Erinnerungen von der DDR eingefangen, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Er zeigt, wie schwierig es ist, sich den Biographien der eigenen Eltern zu nähern. Aber auch, dass eine ehrliche Auseinandersetzung mit der älteren Generation notwendig ist, um die eigene kulturelle Identität zu verstehen.

Als kürzlich auf der Social-Media-Plattform Twitter die Frage nach inspirierenden ostdeutschen Persönlichkeiten aufkam, nannte ein Mann, Jahrgang 1996, Johannes Nichelmann. Er habe ihn darin ermutigt, seine ostdeutsche Identität zu erkunden. Es bestätigt, was Nichelmann in seiner Einleitung zum Buch selbst feststellt: Die große Aussprache zwischen den Generationen hat gerade erst begonnen. Ende

Seitenanfang